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„Es ist eine glaubensferne Ideologie, wenn das ZdK in eine Pressure-Group umgeformt werden soll“

Kardinal Müller im kath.net-Interview: „Ob ein Bischof seiner doktrinellen und disziplinären Verantwortung nicht gerecht geworden ist, hat übrigens nicht die kirchennahe oder kirchenfeindliche Presse festzustellen, sondern…“ Von Martin Lohmann

Vatikan (kath.net) Scharfe Kritik an aktuellen Tendenzen äußert der emeritierte Präfekt der Glaubenskongregation, Gerhard Kardinal Müller, im kath.net-Interview mit Martin Lohmann. Aber auch zum Missbrauchsskandal in der Kirche in Deutschland und zur Causa McCarrick, zum Andenken Johannes Pauls II. und zu Kardinal Zen spricht der frühere Kurienkardinal Klartext.

Martin Lohmann: Herr Kardinal, in unserem Gespräch, das im September 2020 als Buch erschienen ist, weisen Sie darauf hin, dass das ZdK weder demokratisch noch kirchlich wirklich legitimiert sei. Eine eigene Reaktion auf unser Buch scheint es nicht zu geben, aber im Zusammenhang mit der Vollversammlung des ZdK an diesem Wochenende – so hört man – gibt es vom ZdK den Gedanken, man sei doch eigentlich stark demokratisch inspiriert. Was kritisieren Sie am ZdK, das Ihrer Ansicht nach aus der Zeit gefallen ist?

Kardinal Müller: An sich ist die Idee einer Repräsentanz der katholischen Laien im öffentlichen Leben Deutschlands sehr gut. Der historische Ursprung weist zurück in die Zeiten der gezielten Marginalisierung der Katholiken im preußisch-protestantisch bestimmten 19. Jahrhundert (Stichwort: Kulturkampf). Heute ist unser Platz in der auf den grundlegenden Menschenrechten aufgebauten Demokratie, indem wir im gesellschaftlichen Diskurs besonders die Prinzipien der katholischen Soziallehre für das Gemeinwohl geltend machen.

Es ist aber eine glaubensferne Ideologie, wenn das ZdK in eine Pressure-Group zur “Einführung der Demokratie” in eine angeblich “hierarchisch-autoritär regierte Kleriker-Kirche” umfunktioniert werden soll. Die Kirche ist ihrer Natur und Bestimmung nach kein Staat. Sie ist Gottes Stiftung, kein Menschenwerk. Darum kommt die Applikation einer Staatsform (Monarchie, Oligarchie, Demokratie) auf sie einer Verfälschung ihres göttlichen Ursprungs, ihres Wesen und ihrer Sendung gleich. Wer die Kirche lieber mit theologischen statt mit machtpolitischen Interessen verstehen will, kann all dies –leicht zugänglich – im dritten Kapitel der Kirchenkonstitution “Lumen gentium” des II. Vatikanischen Konzils nachlesen.

Lohmann: Sie sagen also – in Übereinstimmung mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil –, dass es hier um ein grundsätzliches Missverständnis des ZdK im Blick auf die Kirche geht?

Kardinal Müller: Im Grunde ist das so. Es geht in der Kirche eben nicht um die Kumulation oder die Verteilung von “politischer Macht in den drei Gewalten der Legislative, Judikative und Administrative”, die von Menschen übertragen werden, sondern um die Autorität, die im Namen Gottes ausgeübt wird sowohl kraft der Teilhabe aller Getauften an der priesterlichen, königlichen und prophetischen Sendung Christi als auch kraft der sakramentalen Weihe von Bischof, Priester/Presbyter und Diakon. Diese lehren, leiten und heiligen mit der ihnen eigenen geistlichen (!) Vollmacht das Haus und Volk Gottes, das Leib Christi und Tempel des Heiligen Geistes ist (vgl. Lumen gentium 27-29). Wenn Laien überhaupt oder auch in Verbänden und Organisationen in Kirche und Welt im Geiste Christi tätig sind, dann hat dies seine Quelle im gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen und nicht in einer Wahl zu einer Volksvertretung in Analogie zu einem Parlament im Staat oder gar als Korrektiv gegenüber einer autoritären Staats-Führung. Das ZdK spricht nicht für die Laien bei der Kirchenregierung und kontrolliert Papst und Bischöfe oder ändert die Verfassung der Kirche göttlichen Rechtes oder hätte gar die Vollmacht ihre geoffenbarte Glaubenslehre – wie es euphemistisch heißt zu “reformieren”, d.h. aber zu verfälschen. Wer immer sich diese Kompetenz anmaßt, trennt sich damit von der einen, heiligen ,katholischen und apostolischen Kirche des dreifaltigen Gottes (Lumen gentium 4; 8). Im übrigen sprechen die Mitglieder des ZdK oder des sogenannten “synodalen Weges” nur für sich und nicht im Namen aller Laien in Deutschland, selbst wenn sie von diesen gewählt wären. Auch die Mitglieder des Pfarrgemeinderates übernehmen eine Verantwortung für das Leben der Gemeinde, aber sie haben keine Regierungsgewalt in Namen derjenigen Laien, die sie für dieses Gremium ausgewählt haben, ohne ihnen je eine Regierungs- oder gar verfassungsgebende Vollmacht übertragen zu können.

Lohmann: Vom ZdK zur Kirche in Deutschland: Dort stehen einige Bischöfe unter Druck angesichts des Missbrauchsskandals und dem Umgang mit ihm post factum. Viele schießen sich nun auf den Kölner Kardinal ein, der aufklären will, wohl aber auch von manchem Mitbruder aus dem Norden Deutschlands Widerstand im Blick auf Veröffentlichungen bekommt, die etwa den Hamburger Erzbischof belasten könnten hinsichtlich dessen Vorgehen als damaliger Personalchef und Generalvikar in Köln. Können Sie uns beim Einordnen aller dieser – sagen wir mal – Verwirrungen helfen?

Kardinal Müller: Von dem konkreten Fall, den Sie ansprechen, weiß ich inhaltlich gar nichts. Aber jeder sexuelle Missbrauch ist ein Verbrechen und – unter dem Gesichtspunkt des Glaubens an Gott und des Heils in Christus ein Skandal – besonders wenn ein Diener Gottes darin verwickelt ist, der im Namen Christi Menschen den Weg zu ihrem ewigen Heil weisen und ihnen vorangehen soll. Jedes Opfer hat Anspruch auf eine Wiederherstellung der Gerechtigkeit mittels eines zivilen und eines kanonischen Prozesses- aber auch im Wissen, dass es eine letzte Gerechtigkeit und Heilung allein bei Gott geben kann. Mit den Vorwürfen von Vertuschung ist man zur Zeit schnell bei der Hand und sie werden manchmal konstruiert, um missliebige Bischöfe zu beseitigen oder die Kirche überhaupt an den Pranger zu stellen. Dass diese Feststellung zutrifft, wird durch die wütende Reaktion derer unterstrichen, die jede Differenzierung als Ablenkung von kirchlicher Schuld diffamieren. Wer andererseits ein Menschenrecht auf die vorgeburtliche Kinds-Tötung geltend macht, hat jede Glaubwürdigkeit für seine Empörung über das schreiende Unrecht an Heranwachsenden verspielt. Denn Abtreibung ist ja – wie ein amerikanischer Bischof neulich gesagt hat – der ultimative Kindesmissbrauch. Pauschalvorwürfe gegen “die” Priester, die man nur wegen ihrer Gruppenzugehörigkeit mit Pädophilie assoziiert oder gegen “die” Bischöfe wegen “Vertuschung”, sind unmoralisch und unmenschlich. Jeder packt in das schwammige Wort “Vertuschung” hinein, was ihm passt.

Lohmann: Geht es um Tatsachen oder um pauschale Verdächtigungen?

Kardinal Müller: Das ist genau die Frage, die nicht nur ich mir stelle. Seiner Verantwortung wird ein Personalverantwortlicher (oder Richter) dann nicht gerecht, wenn er in Kenntnis von Tatsachen oder bei begründetem Verdacht nicht die erforderlichen Maßnahmen der Untersuchung, der Bestrafung des überführten Täters und der Vorsorge gegenüber einer Wiederholungsgefahr trifft.

Ob ein Bischof seiner doktrinellen und disziplinären Verantwortung nicht gerecht geworden ist, hat übrigens nicht die kirchennahe oder kirchenfeindliche Presse festzustellen, sondern nur der Papst selbst oder mittelbar durch dazu Beauftragte.

Lohmann: Sie kennen sich auch in Polen sehr gut aus. Dort bricht wohl ebenfalls manch moralischer Eiter auf. Bischöfe und Kardinäle scheinen vertuscht zu haben womöglich eigene Neigungen vor die Klarheit der kirchlichen Lehre gestellt zu haben. Was ist da los?

Kardinal Müller: Polen ist schon lange im Visier der finanziell und politisch Mächtigen in der Entchristlichungskampagne in Europa und Amerika. Wirkliche Verfehlungen von Geistlichen spielen ihnen in die Hände, obwohl man gerade das fördert, was man andern vorwirft wie Homosexualität, die als Ehe verfälscht und die mit der missbrauchenden Adoption von Kindern belohnt werden soll. Wie verlogen diese Kampagne ist, zeigt sich daran, dass völlig unschuldige und in der Pastoral eifrige Priester und Ordensleute an den Pranger der Entrüstung gestellt werden oder indem man Kirchen verwüstet und religiöse Symbole schändet. Wer in Berlin friedlich gegen seiner Meinung nach überzogene Maßnahmen in der Corona-Krise demonstriert, wird unsäglich beschimpft, wer aber in Warschau- unter Missachtung aller Sicherheitsmaßnahmen- für das Recht auf Abtreibung Massenversammlungen abhält, der wird als Zeuge gegen das “nationalkonservative Regime” einer demokratisch legitimierten Regierung zum Freiheitshelden erklärt- und das ganz selbstgerecht von den “Meistern aus Deutschland”, an das in Polen die Erinnerung an sechs Millionen von Deutschen Ermordete und die Behandlung aller Polen als Untermenschen noch nicht verblasst ist. Ob wir Deutsche es noch jemals lernen, ohne ewige Besserwisserei mit unseren Nachbarn respektvoll umzugehen?

Lohmann: Da zeigt sich also ein deutsches Problem?

Kardinal Müller: Die Verbohrtheit deutscher Politiker und Medienschaffender mit ihrem selbst konstruierten Bild von einem “Polen auf undemokratischen Abwegen” tut jedem nur weh, der dort Land und Leute kennt und vor allem im Geschichtsunterricht nicht geschlafen hat. Von den Leiden und Kämpfen der Polen für Freiheit und Demokratie durch ganz undemokratische Deutsche von Friedrich II von Preußen über Bismarck bis zu Hitler und von ihrer Vorkämpferrolle für den Fall des Eiserenen Vorhangs in Europa bis 1989 will man nichts wissen, sie dafür aber mit den westlichen Werten beglücken (Abtreibung als Frauenrecht, Euthanasie von Kranken und Alten, Frühsexualisierung und Abstufung der Ehe auf eine beliebige Sexpartnerschaft).

Lohmann: Offenbar scheinen manche jetzt ein besonderes Interesse daran zu haben, vor allem einen dicken Schatten auf den Heiligen Papst Johannes Paul fallen zu lassen. Auch manche katholischen Journalisten geben sich als Experten jetzt sehr kritisch und distanziert gegenüber dem Papst, der so segensreich wirkte und mit seiner katholischen Lehre – das wollen wir nicht vergessen – auch damals aneckte und für viele sehr unbequem war. Auch Sie verehren Johannes Paul II. Sehr, sie kannten ihn gut und haben mit ihm zusammengearbeitet. Wie ist Ihre Sicht auf ihn heute, und vor allem: Wie ist Ihre Sicht auf die jetzige Debatte um und über ihn, die ja wohl auf länger angelegt zu sein scheint.

Kardinal Müller: Schon lange waren die üblichen Verdächtigen in den Startlöchern, um das Andenken an Johannes Pauls II. zu beschädigen und damit die von ihnen so gehasste katholische Kirche. Sogenannte kirchennahe Journalisten wollen auch mal mit der Meute heulen und das wohlige Gefühl genießen, wenigstens einmal auf der richtigen Seite zu stehen und als “kritisch Denkende” anerkannt zu werden. Wenn doch die Leute, die mit McCarrick jeden Tag zu tun hatten, nichts sahen, hörten, wussten und aber auch gar nichts eindeutig nach Rom berichteten – wie sollte dann der Papst in 10.000 km Entfernung bewusst einen Wolf im Schafspelz ausbremsen, der über Jahrzehnte so viele erwachsene junge Männer ins Verderben geführt hat. Der kanonische Prozess hat im Jahr 2018 zur Entlassung aus dem Klerikerstand geführt, nachdem ein lange zurückliegender Übergriff auf einen Minderjährigen jetzt erst an die Glaubenskongregation gemeldet wurde.

Lohmann: Der Fall des inzwischen laisierten Kardinals McCarrick wirbelt viel auf und hat wohl nachhaltige Wirkungen. Die Glaubwürdigkeit der Kirche leidet. Benedikt XVI. hatte diesen Mann entmachtet, Franziskus hatte ihn dann rasch wieder rehabilitiert. War das ein Fehler?

Kardinal Müller: Ich möchte keine Stellungnahmen abgeben, die als Schuldzuweisung gewertet werden könnten. Vor allem über Verstorbene richtet allein Gott. Entscheidend ist das, was wir für die Zukunft daraus lernen. Zum Bischof dürfen nur charakterlich feste Personen ernannt werden, die die intellektuellen Fähigkeiten haben, den katholischen Glauben zu vertreten, die der Kirche Christi dienen wollen und nicht von törichtem Ehrgeiz getrieben werden. Ungeeignet sind solche, die dem jeweiligen Papst und römischen Behördenleitern schmeicheln und nach dem Mund reden oder die über persönliche Freundschaftskanäle mit den Entscheidungsträgern verbunden sind und die nur deswegen befördert werden, weil man sich kennt oder Gefälligkeiten erweist. McCarrick ist Vergangenheit. Hoffentlich bastelt man heute nicht wieder an den Bomben, die in dreißig Jahren in den Händen anderer explodieren.

Lohmann: Können Sie uns sagen, warum Kardinal Zen bei Franziskus kein Gehör und keine Audienz bekommen hat? Könnte das mit seiner Sorge und Kritik an der von Kardinal Parolin vorangetriebenen und von Franziskus approbierten neuen Chinapolitik zusammenhängen, von der Experten sagen, die Kirche verrate sich und ihre mentale Unabhängigkeit durch Anbiederei an die kommunistische Führung. Warum wird eigentlich das Abkommen so geheim gehalten? Selbst kirchliche Würdenträger scheinen offenbar nichts von dessen Inhalten zu wissen. Ist das eine vertrauensbildende Maßnahme – gerade gegenüber denen, die in den vergangenen Jahrzehnten aus dem Geist Christi Widerstand gegen einen kommunistische Infiltration leisteten und für ihre Treue zur Wahrheit viel leiden mussten und unterdrückt wurden.

Kardinal Müller: Im Unterschied zum Papst und Kardinal Parolin ist Kardinal Zen Chinese. Er spricht die Sprache und ist ein Sohn dieser Hoch-Kultur. Er kennt um vieles besser die Machenschaften der atheistischen Diktatur, die im Sinne des Kommunismus die Religion für Opium hält, dessen Verteiler und Opfer man ausrotten darf und soll. Deshalb vertraue ich ihm mehr als anderen Beteiligten. Mir geht darum jedes Verständnis ab für die unwürdige Behandlung, die ihm im Vatikan zuteil wird – weit entfernt von der so oft beschworenen Brüderlichkeit. Die Kirche muss leider auch mit undemokratischen Politikern Kontakt halten, aber mit dem einzigen Ziel, die Religionsfreiheit zu sichern und um laut aufzutreten als Anwalt der Menschenwürde jeder einzelnen Person gegenüber der Staatswillkür. Hier täte die Lektüre der Enzyklika “Mit brennender Sorge” (1937) not, in der Papst Pius XI. den Weg gewiesen hat, wie man mit Wahrheit und Klarheit den katholischen Glauben gegen ein Gott-loses und menschenfeindliches Regime vertritt.

Zitate aus: Wahrheit – Die DNA der Kirche, von Lohmann Martin; Müller Gerhard Kardinal (Bibliographische Angaben siehe unten)

S. 99:
Lohmann: Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken meinte, man könne in Zeiten von geforderter Partizipation nicht mehr von Hirten und Schafen sprechen. Ist das nicht eine billige Anpassung an die Welt und eine Art Unverständnis von dem, was Kirche Jesu Christi ist? Versteckt sich hier nicht ein eklatantes Missverständnis?

Kardinal Müller: Offensichtlich. Und es offenbart sich auch eine traurige Unkenntnis von dem, was der Herr selber sagt und wie er seine Kirche wollte, baut und gestaltet. Eine solche billige Anbiederung an den Zeitgeist hätte nichts mehr mit katholisch zu tun. Ein Präsident des ZdK sollte das eigentlich wissen. Und da Christus selbst viel von Hirten und Schafen spricht, kann es definitiv nichts Diskriminierendes sein. Für die Kirche bleibt richtig und wahr: Das geistliche Amt ergibt sich nicht aus den soziologischen Notwendigkeiten, sodass die Kirche, wie manche dann meinen, die Anfänge der Kirche und die wachsende Profilierung der drei Ämterstufen so interpretieren zu können, als ob die Kirche sich selbst je nach ihren Bedürfnissen ein Amt geschaffen hätte. Der Amtsträger wäre dann nur ein Exponent der Kirche, der Menschen in der Kirche, und nicht der Repräsentant Christi selber, der mit der Kirche als Haupt verbunden ist mit seinem Leib. Bischöfe und Priester/Presbyter sind „kraft des Weihesakramentes nach dem Bilde Christi, des höchsten und ewigen Priesters, zur Verkündigung der Frohbotschaft, zum Hirtendienst an den Gläubigen und zur Feier des Gottesdienstes geweiht und so wirkliche Priester des Neuen Bundes“ (II. Vatikanum, Lumen gentium 28).

S. 109:
Lohmann: Der sogenannte synodale Prozess oder synodale Weg wird von Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken gemeinsam gestaltet. Die Tatsache, dass sich viele Katholiken nicht vom ZdK vertreten fühlen, scheint man dort immer wieder wegzuwischen. Ist dieses ZdK noch eine zukunftsfähige Institution? Ist es zu politisch und zu einseitig geworden?

Müller: Das ist eine Institution, die eigentlich nicht mehr der Zeit entspricht und auf keinen Fall den Anspruch erheben kann, alle Katholiken in Deutschland zu vertreten. Und tatsächlich äußern viele immer wieder den Eindruck, dass das ZdK – nach seiner Außenwirkung zu urteilen – eher eine politische als eine kirchliche Ausrichtung verfolgt, ohne einzelnen Personen zu nahe treten zu wollen. Ich beziehe mich auf den Gesamteindruck. Das ZdK ist eine Einrichtung, die so nicht mehr in unsere Zeit hineinpasst und dringend der Reform bedarf. Seltsam, dass es hier wohl keinen Reformbedarf zu geben scheint gemäß der Lehre des II. Vatikanums vom Laienapostolat. Wenigstens hört man so etwas nicht, schon gar nicht aus diesem Gremium selbst. Was einige dort gestellte Forderungen mit dem Glauben der Kirche zu tun haben, ist jedenfalls nicht immer ersichtlich. Der Vorsitzende verkündete zum Beispiel, dass keiner aus diesem Kreis beichten gehe und dass der Petrusdienst nur eine aus zufälligen geschichtlichen Machtkonstellationen gewordene Funktion sei, die man nach der Tauglichkeit für die eigene Agenda bewerten müsse.

S. 329-331
Lohmann: Im Jahr 2020 jährte sich der 100. Geburtstag von Karol Woityla. Was bedeutet dieser große Papst und Heilige für Sie, Herr Kardinal?

Kardinal Müller: Johannes Paul II. ist für mich tatsächlich einer der ganz großen Heiligen, der mich als Vorbild der Nachfolge Christi unmittelbar überzeugt. Er hat dem Papsttum das beste Profil für das 21. Jahrhundert gegeben. George Weigel hat ihm in seiner Biografie ein würdiges Denkmal gesetzt. Johannes Paul ist wirklich: ein Zeuge der Hoffnung.

Lohmann: Sie wurden von ihm 2002 zum Bischof von Regensburg ernannt, Sie sind ihm häufig begegnet. Woran erinnern Sie sich besonders?

Kardinal Müller: An viele beeindruckende Begegnungen und Gespräche. In meiner Zeit als Mitglied der Internationalen Theologenkommission und als Experte bei mehreren Bischofssynoden war ich immer wieder zur Teilnahme an seiner Morgenmesse eingeladen. Beim Mittagstisch haben wir dann häufig intensiv über die Fragen der Theologie angesichts der aktuellen Herausforderungen gesprochen. Aber wir sprachen auch über die Situation der Kirche in Deutschland, für die sich Johannes Paul II. stets besonders interessierte. Ich habe immer sehr stark spüren können, wie er in seinem Denken und ganzen Habitus von der Gegenwart Gottes und seiner Gnade durchdrungen war.

Lohmann: Fehlt Johannes Paul II. heute der Kirche?

Kardinal Müller: Irgendwie schon, obwohl er sicher vom Haus des Vaters viel für uns tut. Aber ich sage auch: Ein bisschen mehr Johannes Paul II. wäre für die Kirche von heute sehr segensreich.

Lohmann: Was meinen Sie konkret?

Kardinal Müller: Er war mutig, klar, unbeirrt, Christus treu und in einer marianischen Frömmigkeit verwurzelt. So gesehen ist er ein Vorbild für uns alle. Er war ein Fels und er stärkte seine Brüder (Lk 22,32). Man konnte sich auf ihn verlassen. Er war ein notwendiges Zeichen des Widerspruchs in einer gottvergessenen Welt, die auch in die Kirche hineinragt. Er hat nicht zuletzt viele Priester in ihrem so notwendigen und segensreichen Dienst gestärkt. Er machte deutlich: Diese dienen dem Heil der Menschen nur, wenn sie all ihr Tun und Leiden nach dem Beispiel des Hohenpriesters Jesus Christus ausrichten, dessen Diener sie ja durch und durch sind. Weil Johannes Paul II. auch so gesehen den Durchblick hatte, würde er heute alles tun, um zu verhindern, dass die Priester generell mit den Vorwürfen des Klerikalismus und der Rigidität eingeschüchtert werden. Das Versagen von Individuen in der Kirche, in den Staaten, den Religionsgemeinschaften oder großen Organisationen und Berufsgruppen darf nämlich keinesfalls kollektiv einer ganzen Menschengruppe angelastet werden. So etwas sind die Methoden in totalitären Regimes, die Prozesse machen gegen „die“ Kulaken, „die“ Offiziere, „die“ Ärzte, wie zum Beispiel in den Moskauer Schauprozessen. Es ist wichtig in dieser Zeit der Verweltlichung des Denkens und Lebens und der vielen Selbstzweifel in der Kirche, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wir sollen nicht zu viel Zeit und Kraft aufwenden, um an ständig neuen Schrauben herumzudrehen. „Marta, Marta, du sorgst dich um vieles, nur eines ist notwendig …“ (Lk 10,41).

Lohmann: Sie haben den Lebensschutz angesprochen.

Kardinal Müller: Johannes Paul II. war ein großer Prophet und ein Prophet Gottes ruft uns auf, dem Willen Gottes treu zu bleiben, weil uns das zum Heile gereicht. Im vierten Gebot heißt es, dass wir die Eltern ehren sollen, damit es uns gut geht und wir lange leben auf Erden. Dabei geht es nicht um die Garantie einer persönlichen langen Lebenszeit, die wir uns mit einem guten Verhältnis zu unseren Eltern als Anspruch erwerben könnten. Gemeint ist der Zusammenhang der Verantwortung für das Leben über viele Generationen hinweg. Dass die Tiere einen artgemäßen Lebensraum haben, darum kümmern sich viele mit großem Einsatz. Aber noch mehr brauchen die Menschen die natürlichen Bedingungen der Familie, um leiblich, geistig, religiös, sozial, kulturell heranwachsen und reifen zu können.

Lohmann: Eminenz, nachdem nun viele Aspekte beleuchtet wurden in unserem langen Gespräch, möchte ich abschließend fragen: Wie wird denn nun die Kirche Jesu Christi wieder frei?

Kardinal Müller: Der heilige Johannes Paul II. hat es bei seiner epochalen Rede am Brandenburger Tor 1996 deutlich gesagt: Die Freiheit hat einen Namen: Jesus Christus. Die Kirche wird frei allein durch Ihn, dem wir treu zu sein haben, dessen Botschaft unser Auftrag ist, der gestern ist, heute ist und morgen ist. Johannes Paul II. hat es immer wieder betont, besonders auch an uns Deutsche adressiert, die aus der historischen Schuld in der Vergangenheit die richtigen Schlüsse für die Zukunft ziehen müssen: Der Mensch ist zur Freiheit berufen, die er aber nur auf dem Grund der Wahrheit erreicht. Wir müssen neu lernen, Gott selbst als den Mittelpunkt der Kirche, unseres Denkens und unserer Anbetung zu erkennen, Ihm den Eintritt zu gewähren in unser Leben. Je mehr wir uns bemühen, Ihm Raum zu geben, desto freier werden wir. Je mehr wir uns als Seine Kinder begreifen, wächst Freiheit und Friede. Je mehr wir uns trauen, Ihm zu dienen, desto stärker werden wir gegen jeden Irrtum und jede Verführung. Gott ist Liebe. Gott ist Wahrheit. Gott ist Leben. Alle, die „aus Gott geboren sind“ (Joh 1,13), tragen als seine Söhne und Töchter das Wort Gottes und den Geist der Liebe als Erbinformation in sich: Die Kirche ist der Leib Christi und geprägt von ihrem Haupt. Christus ist die Wahrheit in Person. Was ist das geistige Erbgut, die DNA der Kirche anderes als die „Gnade und Wahrheit Jesu Christi, des Wortes, das Fleisch geworden und unter uns gewohnt hat“ (vgl. Joh 1,14.17). Die DNA der Kirche ist die Wahrheit Gottes.

 

Wahrheit – Die DNA der Kirche
Von Lohmann Martin; Müller Gerhard Kardinal
Hardcover, 344 Seiten;
2020 fe-medienverlag
ISBN 978-3-86357-277-8
Preis Österreich: 20.40 EUR

Quelle: https://kath.net/news/73515 (Erschienen am 20.11.2020)

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