Tagespost

Guter Hoffnung

Annegret Kramp-Karrenbauer wollte Hebamme werden: Wird sie in ihrer Partei das „C“-Profil zu neuem Leben erwecken? Von Martin Lohmann

 

Annegret Kramp-Karrenbauer

Wie denkt sie sich die Zukunft ihrer Partei? In mancherlei Hinsicht gleicht die Kandidatur Annegret Kramp-Karrenbauers einem Überraschungspaket. Es ist noch nicht ganz klar, was es alles beinhaltet. Foto: dpa

Sie gibt sich gerne besonnen. Und ruhig. Fast schon ein wenig zurückhaltend. Doch in ihr brodelt ein Vulkan des Ehrgeizes. Den aber verhüllt sie gerne, versteckt eine knallharte Machtbereitschaft hinter der Kulisse der etwas kühlen Saarländerin. Annegret Kramp-Karrenbauer weiß, was sie will. Und sie, die in ihrer Familie von Geschwistern „es Anne“ genannt wird, ist beides: Familienmensch und Machtmensch. Der Titel des bei Propyläen erschienenen Buches wirkt wie ein Kurzporträt der AKK: Ich kann, ich will und ich werde. Aber: Was will sie wirklich, diese in Püttlingen aufgewachsene Tochter einer resoluten Mutter und eines strengen und als Sonderschullehrer auch daheim sehr pädagogischen Vaters, dessen „Papa-Kind“ sie war und dessen zu früher Tod sie als 21-Jährige wie einen Zusammenbruch der Welt empfand? Wie kommt es, dass man in der Familie schon früh dachte: Die wird mal eine ganz Große, sie könne knallhart analysieren und könne es ins Kanzleramt schaffen?

Was will sie? Wofür steht sie? Warum behauptet sie zum Beispiel ganz aktuell, der umstrittene UN-Migrationspakt sei für Deutschland eher positiv? Meint sie es ernst mit radikalen Forderungen wie jener, dass straffällig gewordene Asylbewerber ausgewiesen werden müssten und ihnen eine Wiedereinreise nicht nur nach Deutschland, sondern auch im gesamten Schengen-Raum auf Lebenszeit verweigert werden sollte? Wie viel ZdK-Katholizität schlummert in der studierten Politik- und Rechtswissenschaftlerin, die sich in der katholischen Kirche eine Frauenquote vorstellen könnte, sich Frauen als Diakoninnen und Priesterinnen wünscht? AKK hätte sich sogar vorstellen können, selbst Priesterin zu werden.

In der Kindheit hat sie gerne Schule gespielt und wollte die Lehrerin sein. Als Plan B für ihre eigene Zukunft hatte sie sich den Beruf der Hebamme gedacht. Sie war kein freches, kein aufmüpfiges Kind, „kein Wildfang“, wie sie selber sagt. Bis heute hat sie, die von ihrer Mutter den Hang zum Glucken übernommen hat, Selbstzweifel, „jeden Tag“. Als sie 1998 in den Bundestag kam und hinter ihr Joschka Fischer ging, hatte sie, der manche aufgrund ihres kontrollierten Auftretens keine Überbegabung für Gefühle zutrauen, das Gefühl, aus Versehen in eine Fernsehserie geraten zu sein.

Sie betet regelmäßig, ist aber, anders als ihre Eltern es waren, keine regelmäßige Kirchgängerin. Ihre politischen Überzeugungen speisen sich aus ihrem christlichen Glauben: „Der Mensch ist in seiner Würde schützenswert, weil er ein Ebenbild Gottes ist.“ Durch das „C“ werde die Politik menschenfreundlich, das „C“ nehme einer streng ordnungspolitischen Sicht die Härte, sagt sie. Als Beispiel nennt sie, die einstige Kommunalpolitikerin, Ministerpräsidentin und jetzige Generalsekretärin von Angela Merkel, den Lebensschutz. Ein „sehr kluges Parteimitglied“ habe sie zu Beginn ihrer Parteimitgliedschaft davon überzeugt, dass man eben nicht klassisch entscheiden und sagen könne: Der Schutz des Lebens geht immer vor. Das „C“ im Namen der Partei sei auch eine Erinnerung an das Neue Testament und an das Konzept der Barmherzigkeit. So verkündet AKK heute: „Die Fähigkeit, in einer Konfliktsituation von festgefügten Prinzipien abzuweichen, gehört auch zu einer Politik auf Grundlage des christlichen Menschenbildes.“

Die katholische Generalin der protestantischen Pfarrerstochter will kein Rütteln am Werbeverbot für Abtreibungen. Mehr aber treibt sie, die Ehefrau und Mutter, das Schicksal ungeborener Kinder mit Down-Syndrom um: „Wir müssen dringend ein gesellschaftliches Klima schaffen, wonach nicht 90 Prozent der Kinder mit Down-Syndrom nach der Diagnose im Mutterleib abgetrieben werden. Ich frage mich, was es eigentlich über unsere Gesellschaft aussagt, dass wir es nicht schaffen, Eltern Mut zu diesen Kindern zu geben.“ Es sei nicht gut, wenn es für unsere Gesellschaft schwierig ist, „sich für einen Menschen, der anders ist, der nicht perfekt ist, zu entscheiden“. Das entspreche nicht dem christlichen Menschenbild.

Auch eine andere Debatte hätte sie gerne weniger oberflächlich geführt gesehen. Kramp-Karrenbauer ist eine Gegnerin der sogenannten „Ehe für alle“. Für sie definiert sich die Ehe „durch die Merkmale, dass es zwei Menschen sind und durch die Geschlechtlichkeit“. Was die „Ehe“ für Gleichgeschlechtliche wirklich bedeute und was passieren könne, wenn ein Merkmal, das die Ehe ausmache, wegfalle, sei nicht bedacht worden. Kommt dann irgendwann die Polygamie? AKK argumentiert hier nicht religiös, spricht nicht von Naturordnung oder Naturrecht. Für sie stehe im Mittelpunkt letztlich „das Versprechen, ein Leben lang füreinander einzustehen und sich die Treue zu halten – unabhängig davon, ob man hetero- oder homosexuell ist und auch ob man verheiratet oder verpartnert ist“. Sie wehrt sich aber dagegen, dass „die traditionelle Konstellation von Vater, Mutter und deren leiblichen Kindern nicht mehr das Ideal sein soll“.

Die Frau mit der für sie charakteristischen Kurzhaarfrisur, von der manche sagen, sie habe bisweilen eiskalt und stechend blickende Augen, liebt den saarländischen Regionaldialekt, den sie auch in der fernen Hauptstadt nicht ganz unterdrücken kann und wo aus jedem „Ich“ ein „Isch“ und jedem „Ja“ ein „Jo“ zu werden droht. Sie, die einst gerne mit dem jüngeren Bruder das Sich-Balgen liebte, hat cool ihre Kandidatur gegen den Sauerländer Friedrich Merz und den Münsteraner Jens Spahn ins Spiel gebracht und schien ungerührt zu beobachten, wie die Umfragewerte für den schneidigen Politikrückkehrer in die Höhe schwappten. Inzwischen hat sie mehr als aufgeholt. Sie hat nichts dagegen, dass Kreuze im öffentlichen Raum gezeigt werden. Sie weiß, dass es in Deutschland keine strikte Trennung von Staat und Kirche im Sinne eines französischen Laizismus gibt. Sie umgeht die Antwort auf die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre und plädiert für einen muslimischen Religionsunterricht an den Schulen. Dieser müsse aber die gleiche Grundlage haben wie der konfessionelle Religionsunterricht: „deutsche Lehrpläne, deutsche Sprache, in Deutschland ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer.“ Wer AKK, die „die Ansätze von Papst Franziskus unterstützenswert“ findet, unterschätzt, macht einen Fehler, handelt leichtsinnig und vielleicht auch fahrlässig. Sie kann viel. Sie will viel. Was sie noch wird, wird sich zeigen.

Und wofür sie letztlich wirklich steht und auch gegen Widerstände zu kämpfen bereit ist, eben auch. Vielleicht steht die so normal gewordene Abkürzung ihres Namens AKK ja irgendwann für Analytisch. Katholisch. Kampfbereit. Ob sie ihren früher unberücksichtigten Plan B mit der Hebamme heute im Blick hat, um dem verlorenen Heimatgefühl für liberal-konservative Katholiken eine neue Geburt zu ermöglichen? Jede Prognose wäre nichts als kampfbereite Spekulation.

 

Quelle: https://www.die-tagespost.de/politik/pl/Guter-Hoffnung;art315,193476 (Erschienen am 14.11.2018)

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