Allgemein

Missbrauchte Sprache

Wahre Kommunikation und Information setzen ehrlichen Wortgebrauch voraus.

Von Martin Lohmann

Wozu dient eigentlich Sprache? Zur Verständigung? Zur Verwirrung? Zur Manipulation? Zur Erkenntnis? Als Instrument der Macht? Ist sie auch ein Mittel des Missbrauchs? Kommt drauf an — möchte man sagen. Auf was? Wohl auf denjenigen, der sie benutzt, der sie einsetzt für das, was er will und beabsichtigt. Ein Liebender sicher für Komplimente, für Zärtlichkeit, für die Mitteilung seiner Gefühle für den Menschen, der ihm mehr bedeutet als andere. Lügen scheinen da selten gewollt oder praktiziert zu werden. Wenn sich zwei Menschen von Herz zu Herz begegnen, dann will man echt sein. Authentisch nennt das die moderne Welt. Und niemand würde wohl bestreiten, dass derartige Sprache nicht auch etwas mit Einflussnahme, vielleicht sogar mit Macht zu tun hat. Und mit Vertrauen. Wer Vertrauen haben will und selber gibt, will auch eine ehrliche Sprache. Sie muss passen, also dem entsprechen, was vermittelt werden soll. Sprache hat Wirkung. Sprache ist kostbar. Sprache ist auch ein Instrument der Macht. Und daher geht es immer auch um Verantwortung im Umgang mit Sprache.

Genau das scheint für viele ein Problem zu sein. Oder anders: Wer manipulieren möchte, wer das Bewusstsein des Gegenüber steuern will, nutzt diese Tatsache. Gut oder böse. Medienleute wissen um dieses Potenzial, Politiker ebenso, aber auch Bischöfe. Der Münsteraner Philosoph Josef Pieper (1904-1997) sprach in seiner Schrift „Mißbrauch der Sprache, Mißbrauch der Macht“ (1985) sogar von der „Entwürdigung des Menschen durch den Menschen“, die bereits beginne „in jenem kaum wahrzunehmenden Augenblick, da das Wort seine Würde verliert. Die Würde des Wortes besteht aber darin, daß in ihm, im Worte, das geschieht, was auf keine Weise sonst geschehen kann, nämlich Kommunikation in bezug auf Wirklichkeit“. Wort und Sprache seien das Medium, „in welchem die gemeinsame geistige Existenz insgesamt sich abspielt. Im Wort vor allem trägt mitmenschliches Dasein sich zu und demnach kann, wenn das Wort verdirbt“, so Pieper, „das Menschsein selber nicht unberührt und unversehrt bleiben. Im Wort wird Realität deutlich“, man redet, um in der Benennung etwas Wirkliches kenntlich zu machen, kenntlich für jemanden natürlich und darin liegt der Mitteilungscharakter der Sprache.

Das Wort hat Macht, die Sprache ist ein mächtiges Instrument. Falsche und falsch eingesetzte Begriffe schaffen falsches Bewusstsein, richtige und verantwortungsvoll genaue Formulierungen ermöglichen eher ein wahrhaftiges Bewusstsein. In der Abtreibungsdebatte der 90er Jahre konnte man das ebenso beobachten wie heute. Beinahe jede Anmoderation in den Tagesthemen damals enthielt wie selbstverständlich die Rede vom „Abtreibungsrecht“, von „Schwangerschaftsabbruch“ oder gar von „Schwangerschaftsunterbrechung“. Maßstabsgetreu war das – gewollt? – sicher nicht. Verantwortungsbewusst auch nicht.

Denn es suggerierte die faktenwidrige Vorstellung, als gebe es ein Recht auf Tötung noch nicht geborener Menschen, als gehe es lediglich um die Beendigung des Zustands einer Frau oder gar nur um dessen temporäre „Unterbrechung“. So harmlos also wie das Unterbrechen einer Zugfahrt von München nach Berlin in Erfurt, wo man dann einfach einen Folgezug nehmen kann. Ähnlichen Machtmissbrauch der Sprache kann man gerade auf diesem Gebiet bis heute beobachten, etwa, wenn das Geschäft mit dem vorgeburtlichen Kindstöten beworben werden soll und dies als „Information“ oder gar Aufklärung getarnt wird. Wer sich an solchen Aktionen unkritisch oder willentlich beteiligt, übt nicht nur den Missbrauch der Sprache, sondern missbraucht auch Macht.

Natürlich gilt generell, wenn Sprache und Wörter Macht haben: Wer wie Politiker, Medienleute, Funktionäre und Bischöfe Macht hat, muss besonders sorgfältig mit der Sprache umgehen, sie besonders achtsam und wirklichkeitsgetreu nutzen. Denn das Wort dessen, der Macht hat, hat besonderes Gewicht und erfährt besondere Beachtung. Aber das wissen die Betroffenen ja auch genau, weshalb sie sich entsprechend zu Wort melden, oder? Ob sie dabei ihrer Verantwortung immer gerecht werden? Bewusste Manipulation, böse Pauschalierung, vermiedene Differenzierung und gezielte Diskriminierung ganzer Gruppen ist jedenfalls Missbrauch von Sprache und Macht.

So gesehen können Missbrauchsskandale täglich beobachtet werden. Gerne katapultieren sich diejenigen, die diesen Skandal betreiben, in die Sphäre der Unfehlbarkeit. Der machtvolle Sprachmissbrauch liebt die Attitüde des entliehenen „Ex-Cathedra“. Wenn zum Beispiel der Präsident eines Zentralkomitees, das keineswegs alle Katholiken vertritt und dessen parteipolitischer Vorsitzender über keinerlei Lehramtskompetenz verfügt, seine private Meinung über eine andere Partei pauschal herabwürdigend äußert, dann wird hier — auch und gerade durch die Berichterstattung — gezielt dessen Funktionsautorität eingesetzt. Fairness durch sorgfältige und differenzierte Sprachnutzung bleiben dann schon mal auf der Strecke. Differenzierung setzt nämlich die Fähigkeit der Unterscheidung voraus — und den Willen, diese Fähigkeit auch fair einzusetzen.

Übersehen wird von manchen Verantwortungsträgern in Politik, Kirche und Medien bisweilen, wie gefährlich und letztlich brandstiftend dumpfe Pauschalurteile sein können. Wer zum Beispiel alles, was nicht links ist, als rechtsradikal bezeichnet oder gar in die Nähe der Nazis rücken möchte, betreibt letztlich das böse Geschäft genau dieser Menschen- und Freiheitsfeinde. Denn durch den ständigen und ständig wiederholten undifferenzierten Vorwurf, rechtsradikal und braun zu sein, erfährt diese Beschimpfung eine „Normalität“, die es niemals geben darf. Denn es darf nie wieder „normal“ sein, so zu denken und so zu sein. Auch Kirchenleute beteiligen sich an üblen linken Kampagnen, wenn sie etwa kritisch Mitdenkende pauschal als „Rechtskatholiken“ diffamieren. Der so rasch gemachte Vorwurf gegen alles und alle, die nicht dem linken Mainstreamdiktat gehorchen, ist also brandgefährlich verantwortungslos und ein fataler Missbrauch von machtvoll eingesetzter Sprache.

Ein anderes Beispiel für gezielten Missbrauch von Sprache und Macht: Wenn ein bekannter Jesuit in einem Kommentar eines kirchensteuerfinanzierten Portals angesichts des Vertrauensskandals rund um Franziskus schreibt, dass „homosexuelle Netzwerke“ ein „diffamierender Kampfbegriff des homophoben Sumpfes, der bis in die höchsten Spitzen der Hierarchie reicht und blubbert“ sei, dann setzt dieser Geistliche einen längst mit Wirkungsgeschichte versehenen Kampfbegriff ein. Bewusst. Denn so absurd es ist, dass jeder, der seine Kritik an homosexuellen Netzwerken oder auch nur an gelebter Homosexualität – übrigens christus- und bibeltreu – äußert, Angst habe vor einem Homosexuellen – was ja der Begriff „homophob“ suggerieren will – , so wirksam ist diese kategorale Beschimpfung vieler Heterosexueller.

Auch das ist also ein Missbrauchsskandal. Der Kultur unter- und miteinander schadet so ein schräges Verhalten allemal. Es beschädigt die Freiheit – auch die des Geistes. Der polnische Priester, der selige Jerzy Popieluszko, den die Kommunisten wegen seiner klaren und mutigen Sprache und dem der Wahrheit verpflichteten Einsatz des Wortes als Gefahr für ihre Lügen erkannten und brutal ermordeten, wusste im September 1983: „Kultur bedeutet einen ehrlichen Dialog und Gedankenaustausch, ehrlichen Meinungsstreit und kein Gezänk beruflicher Querulanten, die sich einseitig der Massenmedien bedienen, um andere anzuspucken.“

Vielleicht hat in diesem Zusammenhang der Churer Weihbischof Marian Eleganti den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn er jetzt im Blick auf den Missbrauchsskandal in der Kirche und das wenig hilfreiche (Ver)Schweigen mancher Verantwortlichen anmerkt, ein „Homosexuellen-Tabu“ sei „Teil der Vertuschung“. Er erwarte „das öffentliche Eingeständnis, dass wir es im Klerus der Kirche seit Jahrzehnten mehrheitlich mit homosexuellen Straftätern zu tun haben“. 81 Prozent aller Opfer seien männlich, folglich handele es sich bei der weit überwiegenden Mehrheit der Täter um Homosexuelle. Aber: „Wer immer diese Tatsache öffentlich ausspricht, wird diffamiert und als homophob psychopathologisiert.“

Auch das Wort „Rassismus“ wird missbraucht, indem man es als Vernichtungswaffe etwa gegen Kritiker der Flüchtlingspolitik und gegen alle, die am Islam und seinem Menschenbild Kritik üben, verwendet. Doch seit wann ist Kritik an einer Religion (wieder) „Rassismus“? Es waren die Nationalsozialisten, die alle Juden zur Rasse erklärten und die Zugehörigkeit zu dieser Religion als Grundlage ihrer vernichtenden Rassenideologie missbrauchten! Man könnte also sagen: Wer fahrlässig mit der Rassismus-Keule hantiert, der zündelt.

Nicht nur „die katholischen Journalisten müssen der Suche nach der Wahrheit mit leidenschaftlichem Verstand und Herz nachgehen“ (Papst Benedikt XVI. zum Mediensonntag 2010). Schon Platon wusste, dass die Entartung der politischen Herrschaft untergründig zusammenhänge mit dem sophistischen Missbrauch des Wortes. Die „latente Virulenz des totalitären Giftstoffes“ könne geradezu abgelesen werden am Symptom des publizistischen Missbrauchs der Sprache. Dieses Missbrauchs-Symptom scheint sich ausgebreitet zu haben auf Politik und Kirche. Leider.

Wer Begriffe missbraucht, missbraucht auch deren Bedeutung und Inhalt – und daher auch den Empfänger. Wer Wörter in (s)einen Fleischwolf stopft, um die entstehende und häufig blutrote Masse betäubend und verwirrend in die Köpfe anderer zu pumpen, handelt höchst unverantwortlich. Wer jedoch wirklich Freiheit, Frieden und Toleranz will, muss sich heute intensiver denn je dafür einsetzen, dass der Gebrauch der Sprache der Wirklichkeit und der Befähigung zum fairen und achtsamen wie streitbaren Dialog dient. Ohne Keule. Ohne Verleumdung. Ohne Perfidie. Ohne Verunglimpfung. Ohne Falschheit. Und ohne einen impliziten Vernichtungswillen gegenüber Andersdenkenden. Wohl aber im Einsatz für Respekt und Meinungsfreiheit. Wozu dient Sprache? Wozu muss sie dienen (können)? Ganz einfach: der Wahrheit. Und damit dem Menschen.

Quelle: https://m.die-tagespost.de/feuilleton/Missbrauchte-Sprache;art310,191902 (Erschienen am 12.09.218)

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